Einmal erden, bitte.

 

Da regt sich die Nachbarin darüber auf, wie man geparkt hat. Die Lehrerin gibt der Tochter nur eine 2 für eine fantastische Zeichnung im Kunstunterricht. Der Idiot von schräg gegenüber flext noch an seinem Auto rum, obwohl schon seit 15 Minuten Mittagspause in der Siedlung ist. Der Chef glänzt mal wieder mit Inkompetenz, die Kollegen machen ihren Job nicht ordentlich und der Handwerker, der den Pfusch von der letzten Badsanierung in Ordnung bringen soll, meldet sich seit Wochen nicht mehr. Und der einzig wahre Ort für den langersehnten bevorstehenden Sommerfamilienurlaub ist ausgebucht. Stress, Stress, Stress und überall nur rumgenöhle. Wenn all diese Unwegbarkeiten des Alltags für schlechte Laune und chronische Unzufriedenheit sorgen, hilft es, von Zeit zu Zeit die eigene Wahrnehmung zu resetten und auf ein normales Mass zurecht zu stutzen. Ich nenne das gerne "sich erden".

Das richtige Event dafür ist definitiv das Lumix Foto Festival in Hannover. Eine Veranstaltung bei der Nachwuchsfotografen, die in der Reportagefotografie zu Hause sind im Mittelpunkt stehen. Wobei weniger die Fotografinnen und Fotografen im Mittelpunkt stehen, obwohl sie es verdient haben, sondern ihre Reportagen. Es geht um skurrile und tragische Schicksale, wie die Dokumentation über Braunlage und deren verbliebene Einwohner, einer einst blühenden Ferienregion, die inzwischen in großen Teilen einer grotesken Reminiszenz an die siebziger Jahre gleicht. So absurd es klingt - das sind die heiteren Seiten der Ausstellung. Sehr viele Serien drehen sich um Krieg, Mord und Vertreibung. Um Umweltverschmutzung, Ausbeutung von Land und Leuten und die Zerstörung unserer Erde. Harter Stoff. Vor allem in der Masse. 

Wenn man dann nach ein paar Stunden wieder in sein Auto, die U-Bahn oder aufs Fahrrad steigt, ist man sich völlig bewusst, wie unbedeutend die eigenen Aufreger des Alltags sind. Und wenn Frau Nachbarin sich bei der Ankunft zu Hause mit größtmöglicher Empörung darüber beschwert, dass die Hecke unbedingt geschnitten werden muss, kann man sich ein mitleidiges Lächeln nicht verkneifen.